Aufmerksamkeit & Weite

Praxis · Version 1.00 · 20.10.2025

Aufmerksamkeit & Weite

Du kannst deine Aufmerksamkeit formen wie einen Zoom: mal schmal und scharf, mal weit und ruhig. Dieser Artikel zeigt dir, wie du bewusst zwischen Fokus und Weite wechselst – freundlich, ohne Leistungsdruck – damit Entscheidungen klarer werden und der Körper mitzieht.

Warum Aufmerksamkeit wirkt

Aufmerksamkeit ist der Schalter, der bestimmt, was dir zugänglich wird. Wenn du sie schmal stellst, wird ein Detail sehr präzise; stellst du sie weit, spürst du mehr Zusammenhang, Raum und Möglichkeiten. Beides ist nützlich – die Kunst ist der bewusste Wechsel. In der Sprache des Handbuchs geht es um Zugriff (was erreicht Systeme wie Gedächtnis, Sprache, Entscheidung?), um Präzision (wie verlässlich sind Signale?) und um Integration (wie fügt sich das Erlebte zusammen?). Genau deshalb passt diese Praxis so gut zur Atmung und zur Phänomenologie: Du lernst, das Licht deiner Aufmerksamkeit bewusst zu verstellen – statt vom Moment mitgerissen zu werden.

Zwei Modi – ein System

Fokus ist schmal, schnell, messerscharf. Gut für Fehlersuche, Rechnen, Formulieren. Risiken: Tunnelblick, Gereiztheit, zu frühe Entscheidungen. Weite ist ruhig, peripher und großzügig. Gut für Überblick, Beziehung, Kreativität. Risiken: Verzetteln, Aufschieben, weiche Kanten. Beides gehört zusammen wie Ein‑ und Ausatmen. Wenn du bewusst wechselst, bekommst du das Beste aus beiden: Du triffst Entscheidungen nicht aus Enge, sondern aus Klarheit – und du verlierst dich nicht in Weite, weil du jederzeit wieder scharf stellen kannst.

Routine: 10 Minuten & Micro‑Wechsel

Setz dich bequem hin. Lass die Stirn weich werden. Die nächsten zehn Minuten sind kein Test, sondern ein freundliches Ausprobieren.

  1. Ankommen (1 min): Zwei ruhige Atemzüge wie in Atmung & Kohärenz. Spüre Auflagepunkte der Füße, Kontakt unter den Händen. Kein Ziel, nur Ankommen.
  2. Fokus (3 min): Wähle einen winzigen Punkt (Atem an den Nasenflügeln, ein Geräusch, die Berührung eines Fingers). Verweile dort. Wenn die Aufmerksamkeit springt, nimm es warm wahr und kehre zurück. Schultern bleiben weich.
  3. Weite (3 min): Lass den Blick (auch bei geschlossenen Augen) in die Peripherie kippen. Spüre Raum: Geräusche hinten, Helligkeit als Ganzes, Druckflächen am Körper. Nichts festhalten. Atem breiter, Nacken weich.
  4. Wechsel (3 min): Zwei Atemzüge Fokus → zwei Atemzüge Weite. Notiere innerlich: „Mit Fokus ist … klarer; mit Weite ist … leichter.“

Micro‑Wechsel (90 s) für unterwegs: Ein Atemzug Fokus (Nasenspitze), ein Atemzug Weite (Räume, Geräusche). Fünfmal wiederholen. Das passt vor E‑Mails, in Türen, an roten Ampeln.

Anwendung im Alltag

Schreiben: Ein Absatz Fokus (roh, präzise), danach Weite (lautlos vorlesen, Ton weicher, Überflüssiges streichen). Meetings: Einmal pro Runde 10 Sekunden Weite – alle blicken kurz ins Weite; dann erst Entscheidung. Gehen: Fokus auf Abdruck des Fußes, Weite auf Geräuschumgebung. Einschlafen: Zwei Zyklen Fokus (Atem zählen), danach Weite (Körper als Ganzes fühlen). Immer gilt: klein, freundlich, wiederholbar.

Fallen & sanfte Korrekturen

Tunnelblick: Wenn alles eng wird, wechsle bewusst in Weite: Blick weich, Atem breiter, Schultern sinken. Ein Satz hilft: „Ich mache das Bild größer.“ Zerstreuung: Wenn die Gedanken ziehen, wähle einen einzigen Anker (Atem an der Nase) und bleib dort drei Aus‑Ein‑Zyklen. Überwachen: Wenn du dich beim Üben streng beobachtest, erlaube Fehler und nenne sie „Signale“. Freundlichkeit ist kein Bonus, sondern die halbe Übung.

Weiterführend